Christiane Lambrecht

Landesvorsitzende der CDL Bayern
Sprecherin der Kampagne Keine Lizenz zum Töten

Offener Brief an die Bundeskanzlerin und die Abgeordneten des Deutschen Bundestages

Eine 19-jährige Medizinstudentin aus München schreibt einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin und die Abgeordneten des Deutschen Bundestages.

 

Christiane Lambrecht Landesvorsitzende der CDL Bayern Sprecherin der Kampagne Keine Lizenz zum Töten

Christiane Lambrecht
Landesvorsitzende der CDL Bayern
Sprecherin der Kampagne Keine Lizenz zum Töten

Es geht um die Abstimmung am 6.11.2015 und das Gesetz für die Zulassung der Sterbehilfe (§ 217 StGB), welches bei einem in Kraft treten die gravierendsten Folgen für die Gesellschaft haben wird und nicht zuletzt ganz besonders für meine Generation, die dann wieder einmal die Last durch Fehlentscheidungen der vermeintlich reiferen Generation in der Zukunft tragen und ausbaden muss.
Die Sterbehilfe ist ein oft angesprochenes Thema in meinem Unialltag. Nicht nur unter meinen Kommilitonen und mir sondern auch in den Vorlesungen von Seiten unserer hochgeschätzten Professoren und Dozenten. Und der Großteil von uns etwa 925 Studierenden sowie auch die Mehrheit der und unterrichtenden Professoren und Ärzte sind der einen Meinung: ein assistierter Suizid und eine aktive Sterbehilfe mag womöglich auf den ersten Blick gar keine so böse Sache sein – für palliativmedizinische Patienten, die starke Schmerzen haben, im halbwach-Somnolenz vegetieren und für die der Tod ein nur allzu willkommener Gast wäre. Doch wie so oft in der Geschichte würde dieser Schubs der Zulassung einen Felsen ins Rollen bringen.
Der Haken liegt nämlich hier: bei einer allgemeinen Zulassung von einer Sterbehilfe, würde ein solcher Druck entstehen, gerade für uns zukünftige und bereits seiende Ärzte, nicht nur bei jedem palliativ-/intensivmedizinischem Patienten sondern auch jedem anderen Patienten in hohem Alter abwiegen zu müssen, ob wir diesen unseren Patienten finanziell noch brauchen können, oder ob er uns nur die Zeit für wesentlich effizientere Kunden nimmt. Denn nur so funktioniert ein Unternehmen und somit auch jedes Krankenhaus, das nicht in den Bankrott stürzen will. Vor allem gerade jetzt, wo die Krankenhausreform vor der Tür steht und viele kleine Krankenhäuser um ihre Existenz bangen müssen.
Und so wird es kommen, dass der Opa Hans (frei erfunden), der zwar nur friedlich daliegt mit seiner Demenz, jedoch keine finanziell erschwinglichen Beiträge mehr in die Klinikkasse fließen lässt und dem völlig überarbeiteten Pflegepersonal täglich die letzten Nerven raubt, indem er stündlich einnässt, jeden Morgen gewaschen werden, dreimal täglich gefüttert werden muss und bei jeder Unterhaltung dieselben Fragen stellt, schnell ins Visier gerät. Angenommen, es kommt wie so häufig dazu, dass seine sozial angeschlagenen Enkel das Erbe gerade nur allzu gut brauchen können und schon war es das mit dem Opa Hans, der schließlich aufgrund seines Zustandes nicht mehr selbst über sich entscheiden kann. So wird es kommen, liebe Abgeordnete, und das kann ich und mein gesamter Umkreis in der Fachschaft Ihnen prophezeien. Das muss unter allen Umständen unterbunden werden. Menschen sind unberechenbar und das wissen Sie mit ihrer etwas längeren Lebenserfahrung wahrscheinlich noch besser als ich. Welcher Missbrauch mit diesem Tötungsgesetz noch überall getrieben werden wird, ist nicht auszudenken.

Abschließend möchte ich, dass Sie noch folgendes wissen. Ich habe mich für das Medizinstudium entschieden, weil Arzt sein für mich bedeutet, Menschen zu heilen. Ich möchte mich verpflichten, zu helfen wo ich nur kann, zu kurieren, dem Leben zu dienen, all meine Fähigkeiten dafür einzusetzen, Diagnosen zu stellen und Krankheiten zu besiegen wann immer nur möglich. Eine Tötung jedoch – und mir läuft es ernsthaft kalt den Rücken hinunter bei diesem Gedanken – liegt fern meiner Absichten und auch der meiner ca. 925 Mitstudenten. Es ist widernatürlich, weder mit der Medizin noch mit der Menschlichkeit vereinbar.
Ich bin noch jung und habe den Großteil meiner Zukunft noch vor mir. Aber ich möchte mein Leben nicht in einer Welt aufbauen, in der Menschen ihresgleichen straffrei töten dürfen. Ich schäme mich in Grund und Boden, dass es überhaupt so weit gekommen ist und kann mir nur schwer vorstellen, dass Sie Ihr Gewissen mit diesem Gedanken im Reinen haben.
Ich halte unsere Bundeskanzlerin und die meisten Abgeordneten für Menschen mit Verstand. Das Anliegen ist mir, und ich darf auch im Namen meiner Kommilitonen sprechen, im wörtlichsten Sinne todernst.
Ich danke vielmals, dass Sie sich meine Zeilen durchgelesen haben. Und bitte Sie, dass Sie die vulnerablen Bürger schützen und ein Verbot der aktiven Sterbehilfe und des assistierten Suizids beschließen, wie dies ja die meisten europäischen Länder auch haben!
Bitte. Es geht mir nicht nur um meine Generation, die dann die ausgereiften Folgen eines abscheulichen Gesetzes, das den Suizid adelt und die Beihilfe zur Tötung eines Menschen fördert. Das andere Menschen dazu bewegen wird, einem Dritten zu sagen :“ ok, Dein Leben ist wirklich lebensunwert – wenn du jetzt dich tötest und ich dir dabei helfe, ist das richtig“! Ich habe auch vor, einmal Kinder in diese Welt zu setzen. Aber bestimmt nicht in eine, in der sich ihresgleichen gegenseitig straffrei umbringen. Und mit dieser Meinung stehe ich keinesfalls alleine. Wenn Sie möchten, sammle ich Unterschriften. Allein die knapp 1000 Mitstudenten von mir würden ihren Namen geben. Und viele andere junge Leute aus meinen Bekanntenkreisen kämen dazu. Ich bitte Sie um nichts weiter, als um ein gänzliches Tötungsverbot.

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