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Was heißt in Würde sterben?

Eine Tagung der Fernuni Hagen nahm in Berlin die Beihilfe zum Suizid ins Visier. Der Menschenwürdebegriff des deutschen Grundgesetzes geht vor allem auf Immanuel Kant zurück.

Von Peter Winnemöller.

Kann die Selbsttötung vom Gesetzgeber als eine Tat anerkannt werden, die der Unterstützung Dritter wert ist und die deshalb straffrei bleiben muss? Lassen sich so die Autonomie des Einzelnen und ein menschliches Miteinander fördern? Oder erschwert oder verhindert eine Anerkennung des Suizids und die Straffreistellung der Beihilfe durch den Gesetzgeber gar beides? Fragen, denen die Fernuniversität Hagen in der vergangenen Woche auf einer Fachtagung nachging, bei der Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachgebieten und Politiker miteinander ins Gespräch kommen sollten.

 

Der Heidelberger Medizinethiker Axel W. Bauer beklagte, dass die Selbstbestimmung ausgerechnet im Zusammenhang mit der Beihilfe zum Suizid in den Fokus der Öffentlichkeit geraten sei und verwies auf den dramatischen demografischen Wandel. Den geburtenstarken Jahrgängen zwischen 1950 und 1970 stünden heute deutlich weniger jüngere Menschen in unserem Land gegenüber. Das habe zur Folge, dass die Kosten für die Renten, aber auch für Gesundheitswesen und Pflege künftig von wenigen für viele erwirtschaftet werden müssten. Dadurch entstehe ein massiver sozialer Druck, rechtzeitig vermeintlich selbstbestimmt abzuleben.

 

Der Philosoph Sören Thomas Hoffmann stellte Grundsatzüberlegungen aus Sicht der Philosophie zur Bewertung des Suizid an. Im Falle einer staatlich lizenzierten Suizidbeihilfe müsse der Suizid mindestens als neutral oder sogar als wertvoll angesehen werden. Dies widerspreche jedoch der gesamten europäischen Geistesgeschichte. „Wer sich selbst umbringt, tötet einen Menschen“, zitierte Hoffmann Augustinus. Auch andere große Denker, darunter Kant, Hegel, Fichte, Kierkegaard und Jaspers seien aus jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln zu der Ansicht gelangt, dass der Suizid ethisch negativ bewertet werden müsse. Der Gesetzgeber könne, so Hofmann, nicht eine Norm setzen, die die Existenz eines Rechtsgenossen zur Disposition stelle. Selbst wenn man zu einer positiven Bewertung des Suizid an sich käme, könnte die Suizidassistenz immer noch nicht legitim sein, weil sich zumindest der Helfer in seiner Handlung über das Tötungsverbot hinwegsetze.

 

Sehr praktische Aspekte brachte der Psychiater Moritz Nestor aus der Schweiz ins Spiel. In einem kurzen Überblick referierte er die Entwicklung der Sterbehilfe in der Schweiz. Ausgehend von Diskussionen in utilitaristischen Kreisen, deren Gedanken vor allem aus den USA gekommen seien, sei die Idee des assistierten Suizid in der Schweiz gesellschaftsfähig geworden. Die Medien hätten dieses Spiel mitgemacht. Inzwischen sei die Entwicklung so weit fortgeschritten, dass Diagnosen gar keine Rolle mehr spielten. Wer einen assistierten Suizid wolle, könne ihn bekommen. Anhand von fünf Fallbeispielen stellte Nestor konkret vor, wie und unter welchen Umständen sich solche assistierten Suizide vollziehen. Atemlose und erschütterte Stille herrschte bei Schilderung der Fälle, in denen sich Menschen von Sterbehilfeorganisationen wie Exit oder Dignitas in der Schweiz hätten suizidieren lassen.

Der Palliativmediziner Andreas Lübbe aus Bad Lippspringe betonte, dass die Palliativmedizin den Menschen mit seiner konkreten Situation annehmen müsse und forderte eine Stärkung des Pflegeberufes. „Wo sind die politischen Initiativen dafür?“, rief der Palliativmediziner dem Auditorium zu. Statt sich über den assistieren Suizid den Kopf zu zerbrechen, sollte sich die Politik hierüber Gedanken machen.

 

Den Reigen der Wissenschaftler schloss der Vorsitzende des Nationalen Suizidpräventionsprogramms Armin Schmidtke. In seinem Vortrag erklärte Schmidtke dem Auditorium die Genese einer suizidalen Handlung. In mehreren Phasen entwickle sich der Entschluss hin zur Handlung selbst. Der eigentliche Akt werde dabei sehr kurzfristig vorbereitet. Jede Störung in der letzten Phase mache grundsätzlich die Suizidabsicht zunichte, so Schmidtke. Ein Suizident schalte bei einer Störung sozusagen wieder auf normales Denken zurück und entscheide sich dann im Grunde immer sofort wieder für das Leben. Eine Wiederholung eines Suizidversuchs finde nur ganz selten statt.

Zwischen den wissenschaftlichen Vorträgen gaben die anwesenden Politiker ihre Statements ab. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Patrick Sensburg referierte aus Sicht des Juristen die Entwicklung der Diskussion um den assistieren Suizid im Deutschen Bundestag. Sensburg, der zusammen mit seinem Parteifreund Thomas Dörflinger einen Gesetzentwurf vorgelegt hat, der die Beihilfe zum Suizid ausnahmslos verbieten will, sagte, ihm sei im Vorfeld der Diskussionen im Bundestag klar geworden, dass man den assistieren Suizid nur grundsätzlich freigeben oder verbieten könne. Sensburg räumte auch mit dem Vorurteil auf, bei seinem Gesetzentwurf dürfe der Arzt niemanden mehr sterben lassen.

 

Therapiezieleänderungen und Behandlungsabbruch seien auch weiterhin jederzeit möglich. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Beyer referierte über die vier unterschiedlichen Gesetzentwürfe. Er kritisierte, dass bei dem Gesetzentwurf der Abgeordneten Brand und Griese das Verbot der geschäftsmäßigen Suizidhilfe schlicht nicht überprüfbar sei. Bei dem Entwurf der Abgeordneten Hintze und Lauterbach, der den ärztlich assistierten Suizid ermöglichen wolle, werde dagegen ein Sonderrecht für Ärzte geschaffen. Der Entwurf enthalte zahlreiche Ungereimtheiten, die sich bislang nicht hätten aufklären lassen. Der Entwurf der Abgeordneten Künast und Sitte erlaube ohnehin alles.

 

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Dörflinger forderte, Deutschland solle sich an der Gesetzgebung in Österreich, Großbritannien und Italien orientieren. Dort sei der assistierte Suizid grundsätzlich verboten. Eine solche Regelung müsse auch in Deutschland möglich sein. Seine Parteifreundin Veronika Bellmann berichtete aus ihrer eigenen Erfahrung mit der Hospizarbeit. Anhand von Fallbeispielen zeigte sie, was sterbende Menschen anstelle von Suizidhilfe benötigten. Bellmann forderte in diesem Zusammenhang, Ärzte müssten das Sterben auch zulassen und eine Übertherapie vermeiden. Weil die Palliativmedizin genau darauf ausgerichtet ist, sprach sich Bellmann auch für den weiteren Ausbau der ambulanten Palliativversorgung aus.

 

Der Beitrag erschien erstmals in der „Tagespost“ vom 05.10.2015.

 

 

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