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Unmoralisch ist das

von Stephan Sahm

(FAZ, 30.06.2015)

In dieser Woche wird der Bundestag erstmals die Regulierung der Suizidbeihilfe diskutieren. Die von fraktionsübergreifenden Gruppen eingebrachten Entwürfe reichen von einem generellen Verbot über die Untersagung der geschäftsmäßigen Suizidassistenz, etwa durch Sterbehilfevereine, bis zur Öffnung ärztlich begleitete Lebensbeendigung oder gar der Institutionalisierung der Suizidbeihilfe als positiv konnotierte Weise der Beihilfe zum Sterben. Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte im November anlässlich einer ersten Aussprache vom vermutlich anspruchsvollsten Gesetzgebungsprojekt dieser Legislaturperiode gesprochen.

Ob sich die Volksvertreter zu einer neuerlichen Sternstunde parlamentarischer Rede und Gegenrede aufzuzwingen vermögen, wie es damals hieß? Zu wünschen wäre es angesichts einer gesellschaftlichen Debatte, die neben großer Nachdenklichkeit und tiefem Ernst auch mit allen Wassern gewaschene rhetorische Tricks bereit hielt. Ob sich dahinter wohlmeinende Unkenntnis oder strategisches Kalkül verbirgt, ist nicht leicht zu unterscheiden.

So werben Abgeordnete um Peter Hintze für ihren Entwurf eines Gesetzes zur Regelung ärztlich begleitete Lebensbeendigung mit dem Hinweis, es gehe ihnen nur um Patienten, bei deren Behandlung selbst die Palliativmedizin an ihre Grenzen stoße. Allein, im Entwurf steht anderes. Dort heißt es, dass die ärztliche Suizidassistenz erlaubt sein solle bei Patienten, deren „unheilbare Krankheit unumkehrbar zum Tode führt“. In Ländern mit hohem Lebensstandard versterben mehr als 90 % der Menschen im Gefolge einer Krankheit, die lange bekannt, unumkehrbar und letztlich tödlich ist. Dank moderner Medizin wird sie zur chronischen Krankheit. Auf dem Golfplatz und anderswo kann man häufig Personen antreffen, die das im Entwurf angeführte Kriterium erfüllen. Die Stiftung Leben mit Krebs etwa veranstaltet Ruderregatten und Olympische Spiele für Krebspatienten. Nicht wenige von ihnen haben nach Stellung der Diagnose eine Krise durchlebt. Folgt man Peter Hintze und seinen Freunden, sollen Ärzte diesen Patienten ausgerechnet in einer Phase der Ambivalenz, die durch die Suizidforschung hinlänglich belegt ist, ein tödliches Angebot unterbreiten dürfen.

Es ist unter anderem dieses Wissen und eben nicht bornierte renitent, warum die Ärzteschaft Suizidassistenz mehrheitlich abgelehnt. Die Erweiterung der vorgeblich nur auf wenige Fälle beschränkten Praxis der Suizidhilfe ist im Hintze-Entwurf schon angelegt.

Mit einigem rhetorischen Aufwand wird von den Protagonisten der Suizidhilfe die These verbreitet, dass der Wunsch nach Selbsttötung meist aufgegeben werde, wenn die ärztliche Suizidassistenz als Regelleistung erst implementiert sei. Das Gegenteil ist der Fall, wie übereinstimmend Beobachtungen aus jenen Ländern zeigen, in denen ärztliche Suizidbeihilfe und Tötung auf Verlangen geübte Praxis sind. Das belegen die aktuellen Erhebungen aus der Schweiz, aus Belgien und dem amerikanischen Bundesstaat Oregon.

Letzterer wird nicht selten als Musterländle geordneter Suizidhilfe angeführt. Dort gibt es in der Tat nur wenige Fälle. Doch ist dies der geringen Einwohnerzahl und mithin weniger Todesfällen überhaupt zuzurechnen. Seit Einführung des einschlägigen Gesetzes ist auch in Oregon die Zahl der Suizide mit ärztliche Assistenz um mehr als 500 % gestiegen. Und empirische Untersuchungen zeigen, dass depressive Zustände bei den Patienten übersehen werden.

Ärgerlich ist die Behauptung einiger Strafrechtsprofessoren in einem offenen Brief, in Hospize und Palliativstationen werde täglich Leben verkürzt. Daher solle man auch die Suizidassistenz nicht kriminalisieren. Das ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich in der Betreuung von Menschen in deren letzter Lebensphase engagieren. Was die Professoren übersehen, ist, dass palliativmedizinische Behandlung an den vorliegenden Symptomen, insbesondere Schmerzen, ansetzt. Jeder Maßnahme liegt eine auf deren Linderung ausgerichtete Indikation zu Grunde. Das Risiko eines vorzeitigen Todes ist wie bei jeder medizinischen Maßnahme niemals auszuschließen. Doch führen palliativmedizinische Behandlungen viel seltener zu tödlichen Komplikationen als andere, weithin akzeptierte medizinische Behandlungen.

Folgte man den Strafrechtslehrern, wäre eine Blinddarmoperation ebenfalls unter die Kategorie Sterbehilfe zu rechnen, denn sie birgt ein statistisch belegtes tödliches Risiko. Die von den Professoren verwendete, jedoch längst als obsolet geltende Nomenklatur der passiven Sterbehilfe soll suggerieren, es gebe ein normatives Kontinuum zwischen unerwünschten Folgen einer medizinischen Behandlung und der Sterbehilfe. Dies ist analytisch falsch, weil es die Intention ignoriert. Zudem beraubt dieser Auffassung die ärztliche Profession ihrer ethischen Integrität.

Posted in Keine Lizenz zum Töten.