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Zauberwort Gewissensentscheidung

Von Bernward Büchner (OLG Richter a.D.)

Strafrechtler haben sich in einem Aufruf gegen eine Ausweitung der Strafbarkeit der Sterbehilfe gewandt. Die Hilfe beim Suizid als ärztliche Gewissensentscheidung müsse zulässig bleiben. Einmal mehr wird das Zauberwort Gewissensentscheidung bemüht. Ein Verhalten, das Menschen mit ihrem mehr oder weniger dehnbaren Gewissen vereinbaren können, soll auch gerechtfertigt sein. Zwischen dem, was das Gewissen gebietet oder lediglich noch toleriert, wird nicht mehr unterschieden.

Während der NS-Zeit gab es Ärzte, die es mit ihrem Gewissen glaubten vereinbaren zu können, „für Volk und Führer“ so genanntes lebensunwertes Leben zu töten. Mit einer „Gewissenentscheidung“ konnte keiner von ihnen seine damalige Mitwirkung rechtfertigen. Durch diese Tötungspraxis veranlasst, hielt der Pathologe Franz Büchner im November 1941 in der Freiburger Universität einen öffentlichen Vortrag über den Eid des Hippokrates. Darin sagte er: Der einzige Herr, dem der Arzt zu dienen habe, sei das Leben. Paktiere er mit dem Tod, höre er auf, Arzt zu sein.

Heutige Ärzte werden zwar nicht mehr auf diesen Eid verpflichtet. Aber auch für sie sollte es sich von selbst verstehen, dass es nicht zu den Aufgaben ihres Berufsstandes gehört, am Töten von Menschen mitzuwirken, die Grenzen ihres Aufgabenbereichs nicht zur Disposition eigener Gewissensentscheidungen stehen und Ärzte, wie es in der Muster-Berufsordnung der Bundesärztekammer heißt, „keine Hilfe zur Selbsttötung leisten“ dürfen.

Aufgabe des Arztes ist es, Krankheiten möglichst zu heilen und Leiden zu lindern. Dazu gehört eine kompetente palliativmedizinische Versorgung, die Schmerzen zumindest auf ein erträgliches Maß reduziert. Es ist unbestritten, dass zur Erreichung dieses Zieles auch der nicht beabsichtigte Tod des Patienten in Kauf genommen werden darf. Weil er hierbei innerhalb seines Aufgabenbereichs handelt, hat der Arzt gewissenhaft darüber zu entscheiden, welche Therapie anzuwenden ist. Dem Leid ein Ende zu machen, indem er dem Patienten zum Suizid verhilft, kann ihn eine Gewissensentscheidung jedoch nicht legitimieren.

Würde der Gesetzgeber darauf verzichten, die Suizidbeihilfe unter Strafe zu stellen, um insbesondere für eine ärztliche Gewissensentscheidung Raum zu lassen, käme dies einer stillschweigenden Aufforderung der Ärzte gleich, zu tun, was nicht ihre Aufgabe sein darf. Der Weg zur ärztlichen Tötung auf Verlangen wäre gebahnt.

Der Autor war Vorsitzender der Juristen-Vereinigung Lebensrecht (1985 – 2013).
Der Text wurde als Gastkommentar veröffentlicht in „Die Tagespost“ vom 23. April 2015.

Posted in Keine Lizenz zum Töten.